Rückblick

Der letzte Artikel ist eigentlich schon viel zu lange her. Aber der Operator hatte in den vergangenen Monaten viel zu tun und so blieb ihm weder Zeit noch Muße,
die DZGH-ARMY mit neuen Inhalten zu beglücken. Aber jetzt zum Jahreswechsel soll sich das noch einmal ändern, und zwar in Form einer neuen Kurzgeschichte (die diesmal wirklich sehr kurz ist). Es war mal wieder an der Zeit für kreativen Output und so manifestierten sich die nun folgenden Worte, die sich von seinem Herzen über seine Finger auf die Tastatur ergossen haben und schließlich in digitaler Form auf dem Bildschirm landeten. Wie immer ist auch diese Geschichte frei erfunden und ob ein tiefer Sinn dahinter steckt, steht jedem Leser frei und obliegt der eigenen Interpretation.

Rückblick

Er saß alleine an der Bar und blickte in sein Glas. Es war so leer wie sein Leben selbst. Die Erkenntnis traf ihn wie ein harter Schlag, obwohl sie eigentlich nicht neu für ihn war. Der Jahreswechsel stand wieder einmal kurz bevor und er ließ die vergangenen 365 Tage noch einmal Revue passieren, bevor sie für immer der Vergangenheit angehörten. Vieles hatte er verloren, alte Zöpfe abgeschnitten und sich immer mehr vom grellen Leben da draußen zurückgezogen. Er wollte nie als Einsiedler enden, aber das war es, wofür er bestimmt war. Und die Bestimmung, das ist das Einzige, vor dem man nicht flüchten kann. Flüchten, wie er es sein gesamtes Leben bisher über getan hat.

Er atmete schwer und bestellte einen weiteren Drink. Er tauschte das Weinglas gegen einen Tumbler mit Whiskey und nahm einen langsamen, tiefen Schluck. Er ließ den vollen Geschmack des Whiskeys auf seine Geschmacksknospen wirken, bevor er ihn hinunterschluckte. Und dann dachte er weiter. Würde das kommende Jahr Besserung bringen oder würde er weiter vor sich hinvegetieren? Er wusste keine Antwort auf diese Frage und verlangte in diesem Moment auch gar keine. Viele offene Fragen, aber keine Antworten – das zeichnete schon immer sein Leben aus und würde sich auch an diesem Abend nicht ändern. Er nahm einen weiteren Schluck und wollte alles vergessen: den Moment, das sich dem Ende neigenden Jahr, sein bisheriges Leben, einfach alles! Als das Glas leer war, zerbrach er es in seiner Hand und beobachtete, wie der warme, dickflüssige, rote Saft langsam seinen Arm hinunterkroch. Er erblickte eine der losen Scherben vor ihm auf den Tresen und nahm sie behutsam, aber voller Entschlossenheit in seine Hand. Er drückte sie an seine Vene und war bereit, den letzten Schritt zu machen, als plötzlich sein Handy in seiner Hosentasche vibrierte. Er zückte es hervor und sah auf das Display. Er hatte eine neue Kurzmitteilung von einem der wenigen Freunde erhalten, die er noch übrig hatte. „Frohes neues Jahr!“ lautete der Inhalt und er ließ die Scherbe langsam aus seinen Fingern gleiten und ging nach Hause.

Die Kurzgeschichte ist jetzt doch glatt ernster geworden als geplant, aber ein wenig Melancholie zum Jahreswechsel hat schließlich noch niemandem geschadet. Der Operator wird jetzt headbladen und anschließend erst mal Essen machen. Sein Magen macht mehr Krach als die verzerrten E-Gitarren, die aus seinen Lautsprechern ertönen. In diesem Sinne: Bis zum nächsten Artikel!