Ein Tag im Herbst

Gute Neuigkeiten! Die verschreibungspflichtigen Drogen, die der Operator in regelmäßigen Abständen einwerfen muss, scheinen heute besonders gut zu wirken! Und so kommt es, dass der Operator gleich heute noch einen zweiten Artikel nachreicht. Einer von der Sorte „Viele Wörter, keine Bilder“. Und zwar hat sich der Operator hingesetzt und eine kleine Kurzgeschichte geschrieben. Nachdem er die letzten Tage flach lag, wurde es dringend Zeit, mal wieder etwas in die Tasten zu tippen. Herausgekommen ist eine kurze Geschichte in drei Akten, zusätzlich Pro- und Epilog.

PROLOG

Es war ein warmer Herbsttag. Die Sonne schien klar und hell. Nur ein paar vereinzelte Wolken trübten die sonst perfekt scheinende Herbstidylle. Das goldig-braune Laub der Bäume flog sanft vom Wind getrieben durch die Luft. Fast wie in Zeitlupe und ebenso magisch. Es roch nach frisch gemähten Rasen und Blumen. Eigentlich wäre heute ein perfekter Tag, um einen Spaziergang oder ein Picknick im Freien zu machen. Aber heute war kein solcher Tag.

 

AKT 1 – SHOWTIME

Perry saß auf der Motorhaube seines Autos und nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette. Er schnipste den aufgerauchten Stummel mit Zeigefinger und Daumen weg, stand auf und strich seinen dunkelgrauen Anzug glatt. Danach griff er zum Knoten seiner dunkelblauen Streifen-Krawatte, zog ihn fest und richtete seinen Schlips. „Showtime, Perry!“ sagte er zu sich. Der Augenblick war gekommen, den er immer für unmöglich hielt. Er atmete noch einmal tief durch, fasste in die linke Innentasche seines Sakkos, zog einen Flachmann hervor und nahm einen kräftigen Schluck zur Beruhigung. „Okay, sei jetzt keine Pussy. Du schaffst das!“ Selbstmotivation hat noch nie bei ihm funktioniert. Er packte den Flachmann wieder weg und ging in Richtung Menschenmasse.

 

AKT 2 – AUS DEM WEG

Perry mischte sich unter die Menschenmenge. Vereinzelte Gesichter sahen ihn ausdruckslos an. Andere wirkten einsam und wütend. Ein paar Menschen stellten sich ihm unbewusst in den Weg und Perry musste sie höflich zur Seite schieben, nachdem sie sein freundliches „Entschuldigung!“ als Aufforderung zum Platz machen offenbar überhört haben müssen oder absichtlich ignoriert hatten.

Perry stand jetzt ganz am Ende der Menschenmasse und blickte nach unten. Vor ihm war ein großes schwarzes Loch. Es sah aus wie der gierige Schlund einer Bestie, dessen Hunger nur durch eine Opfergabe gestillt werden konnte. Perrys bildliche Vorstellung eines tatsächlich existierenden Monsters, das in diesem Loch lebte, zauberte ein halbes Lächeln auf sein Gesicht. Seine Gesichtsmuskeln entspannten sich jedoch schnell, als er sich wieder ins Gedächtnis rief, weshalb er eigentlich hier war. Überwältigt von den plötzlichen Emotionen, die einen stechenden Schmerz in seiner Brust auslösten, sackte Perry auf seine Knie und griff mit beiden Händen tief in die Erde und ballte sie zu Fäusten.

 

AKT 3  – ABSCHIED

Perry hob seine Hände, die immer noch zu Fäusten angespannt waren, und hielt sie sich vors Gesicht. Nur langsam konnte er die Anspannung lösen. Erde rieselte von den Innenflächen seiner zitternden Hände auf seine Hose und auf den Boden. Perry rieb seine Hände, um auch den letzten Schmutz zu lösen und stand mühsam und mit Tränen in den Augen auf. Auf seinen Schultern spürte er die Hände der anderen Menschen, die versuchten, ihm durch Klopfen Mut zu machen und ihn aufzumuntern. Perry atmete tief aus und hielt für einen Moment inne. Dann griff er zu einer Schippe, die sich neben ihm in einem Eimer befand und hob sie hoch. Sie war gefüllt mit hellbraunem Sand. Perry streckte seinen Arm aus und hielt die Schippe direkt über das große, schwarze Loch. Dann drehte er sein Handgelenk langsam um. Wie auch die rieselnden Körner einer Sanduhr fiel der Sand von der Schippe langsam in das Loch und verteilte sich gleichmäßig auf einen mintgrünen Gegenstand. „Leb wohl, meine Liebe!“ flüsterte Perry leise und fast unhörbar. Dann ließ er die Schippe fallen, drehte sich langsam um und ging zurück zu seinem Auto. Als er sich durch die Menschenmenge bewegte, sah er mitfühlende und nickende Gesichter.

 

EPILOG

In seinem Auto angekommen, steckte sich Perry eine Zigarette an und nahm einen tiefen Zug. Der mit Schnaps gefüllte Flachmann in der linken Innentasche seines Sakkos drückte gegen seine Rippen. Bei Perrys ungesunder Lebensweise hätte er niemals gedacht, dass Sie zuerst vom Antlitz der Erde verschwinden würde. Perry legte seine rechte Hand ruhend auf das Lenkrad seines Autos und starrte auf seinen Ringfinger, an dem er einen goldenen Ring trug, der schon einige Kratzer und Macken aufwies. Es kam ihm so vor, als sei alles erst gestern passiert: Die erste Begegnung, das erste Date, der erste Kuss, der erste Sex und die Verlobung mit anschließender Hochzeit. Doch hier und heute endete die Geschichte. Viel zu früh und viel zu abrupt. Die gemeinsame Zeit war in Retrospektive viel zu kurz. Perry starrte aus der Frontscheibe seines Autos und es wurde ihm schlagartig klar: Alles hat irgendwann ein Ende und deshalb sollte man immer das Beste aus jedem Moment machen. Er ist sich zwar nicht sicher, ob er das bisher immer gemacht hat, aber die gemeinsame Zeit mit Ihr war erfüllend und Perry blickt gerne auf die Hochs und auch die Tiefs zurück. Als er sich so erinnerte, fing sein Herz an zu pochen, seine Brust wurde ganz heiß und es bildete sich ein schwerer Knoten in seinem Hals. Und dann floss ihm eine einzelne Träne langsam über die Wange und leise – ganz leise ­– wimmerte Perry ihren Namen: Emily.

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