Slipknot – IOWA: 10 Jahre danach

Wummernde Bässe, die durch Mark und Bein gehen und sich in den Gehörgang fressen. Dazu unverständliche Schrei-Fetzen, die gequält und voller Pein klingen. Mit diesen ersten Eindrücken begibt man sich beim Anhören des Albums IOWA von Slipknot auf die Reise. Eine Reise, die einen verändern und die man als andere Person verlassen wird.
IOWA (10th Anniversary Edition)

Zu theatralisch? Mitnichten, denn nicht umsonst sollte IOWA für immer die Musiklandschaft verändern und prägen. Entertainment Weekly hat es am 7. September 2001 passend auf den Punkt gebracht, als sie schrieben:

Slipknot makes you fear for the future of Metal

Es gibt viele Begriffe, die das Album treffend beschreiben: Aggressiv, brutal, emotional, verstörend, hart und schmerzvoll sind nur einige von vielen. Gleichzeitig fällt es aber auch schwer, das Album mit Worten zu umschreiben und dadurch direkt, wenn auch ungewollt, in eine Kategorie zu stecken.

I’m not afraid to cry, but that’s none of your business

Nach dem verstörenden und nur schwer einzuordnenden Intro (515) geht es direkt weiter mit People = Shit. Ein Lied, das mit allem und jedem abrechnet und härter und aggressiver kaum sein könnte. Und überhaupt bleibt nur wenig Zeit zum Verschnaufen, wenn man sich mit IOWA in eine andere Welt begibt. Lediglich Gently bietet eine kurze Auszeit. Und genau darum geht es in dem Lied auch: Eine Auszeit vom Alltag nehmen und mit den Gedanken einfach woanders hin abtauchen.

Nobody wants anything I’ve got, which is fine, because you’re made of everything I’m not

IOWA entstand in einer für die Band schweren Zeit: Slipknot kamen von einer langen Tour zurück, auf der sie auf sich und ihr erstes, nach der Band benannten Album aufmerksam gemacht haben, und sie wurden quasi mehr oder weniger über Nacht erfolgreich.
Menschen, die sich vorher nicht für sie interessiert haben, wollten plötzlich ein Stück vom Erfolgs-Kuchen abhaben und die Band bekam Druck von allen Seiten. Kaum vom letzten Konzert zurück, ging es auch schon wieder ins Studio, um die zweite Platte aufzunehmen. Durch die lange Tourphase waren alle 9 Mitglieder der Band ausgelaugt und voneinander genervt. Zusätzlich hatte man noch mit seinen inneren Dämonen, raffgierigen Menschen und persönlichen Schicksalsschlägen zu kämpfen. Doch Slipknot nutzten all das und nahmen ihr bis dato persönlichstes Album auf. All der Schmerz, all der Hass und all die Intensität verpackt in 60 Minuten Musik.

Bandfoto aus dem Jahr 2001 - © RollingStone.com
Bandfoto aus dem Jahr 2001 – © RollingStone.com

My flaws are the only thing left that’s pure, can’t really live, can’t really endure

Slipknot nutzten das Album, um über sich selbst zu reflektieren und um sich den eigenen Problemen zu stellen. Aber auch, um einen großen Mittelfinger empor zu strecken, um damit zu zeigen, was sie von der Welt und all ihren falschen/fragwürdigen Menschen halten.

Callow man is a sentinel screaming – I see the future; the future is bleeding

Wenn man IOWA anhört, dann fühlt man all das: Die Persönlichkeit des Albums wird durch die einzelnen Lieder hindurch transportiert und dringt in den Gehörgang des Zuhörers ein. Und von dort aus direkt ins Gehirn.
Slipknot haben all ihre Gefühle und Schmerzen in musikalischer Form auf das Album gepackt und helfen damit dem Hörer bei der Bewältigung der eigenen Probleme. Fast schon wie eine Art Selbsthilfegruppe.

Who are you to me? Who am I to you? Is this a lesson in nepotistic negligence?

IOWA ist wie die Wundsalbe, die man auf einer frischen Fleischwunde aufträgt: Es sorgt zwar nicht dafür, dass die Wunden auf magische Weise sofort verschwinden, aber es unterstützt den Heilungsprozess. Und gerade das macht das Album so wertvoll.